5.1 Der „DJ“ – R-/Evolution durch Technologie

Der „Discjockey“ (deutsch: „Diskjockey“) ist heutzutage eher unter der Abkürzung „DJ“ (weibl. „DJane“) bekannt. Es gibt noch zahlreiche weitere Synonyme (Disc Jockey, DeeJay, Selecta usw.) für diesen Tätigkeitsbereich, der durch die zahlreichen (Sub-) Kulturen geprägt wurde. Aber nicht nur der Name ist einem Individualisierungsprozess unterworfen. Der DJ ist ein Produkt der globalen Symbiose aus kulturell-technologischer Entwicklung und hat sich in seiner heutigen Form stark verändert. Im Folgenden werden die wichtigsten Punkte der Entwicklung des DJs zusammengefasst.

Die Anfänge des DJs gehen zurück auf die Anfangszeiten des Radios 1906. Anfang des 20. Jahrhunderts gelang es den amerikanischen Ingenieuren Reginald A. Fessenden und Lee DeForest, akustische unverschlüsselte Signale zu übermitteln. In der Weihnachtsnacht 1906 sendete Fessenden die erste Radiosendung, die von den Schiffen an der Ostküste der USA über Funk empfangen werden konnte. Inhalt seiner Sendung waren Lesungen des Lukas-Evangeliums, die musikalische Gestaltung durch Gesang und Musizieren mit der Violine und die Wiedergabe von Schallplatten. Das Radio etablierte sich bis zum Ende des 2. Weltkriegs als Massenmedium, in dem der DJ ein zentraler Kern der darstellenden Organisation bildete. (Vgl. Poschardt, 1997, S. 42 f.) Nach dem 2. Weltkrieg entstanden in Frankreich die ersten Discotheken. Diese entstanden dadurch, dass die deutschen Besatzer die Jazzclubs und ihre Gemeinschaft in die Illegalität verbannten. Um das Verbot zu umgehen, flüchtete die Szene in abgelegene Orte, wo sie mithilfe von Plattenspieler und Soundsystem ihre Kultur trotz des Verbots weiter kultivierten. Nachdem der Krieg beendet war, eröffneten überall zahlreiche Clubs. Dieser Trend wurde durch den Rock’n’Roll noch verstärkt. Die Problematik war, dass es an Live Bands mangelte und diese auch finanziert werden mussten. Dies führte dazu, dass viele Clubmanager die Discothekenstruktur übernahmen. Die DJs bzw. Schallplatten waren vielzähliger vorhanden oder konnten mit geringem Aufwand ausgebildet werden und die Schallplatte war in ihren Vertriebsstrukturen einfacher zu beschaffen und kosteneffizienter. Die Diskothek- und Clubkultur fand, ab den 50er Jahren, verstärkt durch die neu aufkommende Popkultur in Amerika statt. Dort prägten sich auch eigene Tanzstile (u.a. Twist), die ihren Ursprung in den Discotheken haben. (Vgl. ebd., S. 103 f.)

Ende der 60er Jahre entwickelte sich abseits der Mainstream Discothekenkultur in den Underground-Clubs ein eigner Mixstil. Die unterschiedlichen Musikgenres, vorwiegend Soul, Funk, Rock und Latino, wurden miteinander kombiniert. Statt bisher ein Lied langsam ein- oder auszublenden und eventuelle Pausen durch Moderationseinlagen zu überbücken, versuchte man die Musik entsprechend zu sortieren und zu mischen, dass es den Anschein hat, als wäre das Lied endlos. Francis Grosso prägt das Bild von dem „DJ“ als Musiker. Er empfand die Tätigkeit des DJs als einen kreativ musikalischen Prozess. Er entwickelte seine eigenen Techniken und Hilfsmittel. So entwickelte er das „Slipcueing“. Mithilfe einer Filzmatte (Slipmap) (siehe Abb. 2 „Jamaika Flaggen Slipmap“) wird der Reibungswiderstand von Plattenteller bzw. Antrieb zur Schallplatte verringert. (Vgl. ebd., S. 109) Dadurch kann die Schallplatte mit leichtem Druck festgehalten werden, ohne dass der Antrieb ins Stocken gerät. Das ermöglicht einen zielgenaueren Umgang mit dem Medium Schallplatte und der Technologie. Dieses Vorgehen und die Auswahl der Schallplatten könnte man mit dem Stimmen einer Gitarre vergleichen. Entsprechend den festgelegten Rahmenbedingungen (u. a. Tonlage auf dem Griffbrett der Gitarre) kreiert der Künstler durch gezieltes Erklingen (lassen) und Arrangieren von Tönen die musikalische Gestaltung seines Werks. Beim DJ würde dies der gewählten Liedsequenz entsprechen.

Abb. 2 Technics 1210-MK2 Plattenspieler mit Slipmap, Sphärischen Plattennadel und speziellem Puck um Single Vinyls schnell zu zentrieren.

Abb. 2 Technics 1210-MK2 Plattenspieler mit Slipmap, Sphärischen Plattennadel und speziellem Puck um Single Vinyls schnell zu zentrieren.

Die neu gewonnen Freiheiten der künstlerischen Entfaltung führten dazu, dass eine Remix- und Singlekultur entstand. (Vgl. ebd., S. 129 f.) Die Jamaikaner kultivierten die mobile Diskothek. Ihr Problem war es, dass der zunehmende Tourismus entsprechend unterhalten werden wollte und die landestypische Musik nicht sehr beliebt bei den Touristen war. Daraufhin kam man auf die Idee, einen Waagen mit Lautsprechen, Schallplattenspieler, Mischpult und Mikrofon zu bestücken und mit diesem Soundsystem die aktuellen Schallplattenhits vorzuführen. In den Slums waren die Soundsystems das Sprachrohr der Gesellschaft. Die Soundsystemkultur wuchs rasant an, was oft zu musikalischen Wettkämpfen führte. Im sogenannten „Soundclash“ versuchen die Soundsystemmitglieder das Publikum durch gezieltes „Toasting“ (Sprecheinlagen), „Chanting“ (Gesangseinlagen) und durch gestaltete Musikpassagen für sich zu gewinnen. (Vgl. ebd., S. 158 f.) Diese Soundsystemszene ist heute noch wichtiger Bestandteil der Karibischen Kultur.

Ab 1973 entwickelte sich langsam die Hip Hop und Rap Kultur in Amerika. In New York lebten viele jamaikanische Familien, die auch in ihrer neuen Heimat ihre Soundsystemkultur lebten. Kool DJ Herc, ein ehemaliger Jamaikaner, entwickelte das gezielte „cutten“ bzw. „Beatjuggling“ von Schlagzeugpassagen und baute es in sein Soundsystemset ein. Er ließ auf zwei Schallplattenspielern einzelne Liedsequenzen ablaufen und blendete diese gezielt schnell ein und aus. (Vgl. ebd., S. 164) Das „Beatjuggling“ entwickelte Grandmaster Flash weiter. Die Michpulttechnologie hatte sich soweit entwickelt, dass die Signale der Schallplattenspieler getrennt per Kopfhörer vorgehört werden konnten. Grandmaster Flash entwickelt die Kunst, durch gezieltes „cutten“, passende Sequenzen in die Summe einzumischen. So konnten Passagen mit zwei Plattenspielern endlos, als Schleife, „Loop“, wiedergeben werden. Für diesen Zweck entwickelte er das „Clockwise“ Prinzip. Beim „Clockwise“ Prinzip wird das Schallplattenlabel wie eine Uhr aufgeteilt. So kann nachvollzogen werden, wo welche Songpassage auf einer Schallplatte liegt. Somit ist ein gezielteres Mixen möglich. Dies war der Anfang des Live Remixens, das sich zeitgleich mit dem Vinyl Remix entwickelte. Der Klang, der bei dem Hin- und Herschieben („Scratchen“) oder beim Zurückdrehen („Backspinning“) der Schallplatte entsteht, wurde immer mehr zu einem Stilelement. Die Jugendlichen in der Bronx hatten nicht viel Geld zur Verfügung, so waren sie gezwungen, die ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen bestmöglich einzusetzen bzw. zu modifizieren. (Vgl. ebd., S. 171 f.f.) In den 70er Jahren etablierte Grandmaster Flash die „Drum Machine“ als Instrument für den DJ. Zu Anfang wurden die Schlagzeugrhythmen und -töne der „Drum Machines“ durch analoge Oszillatoren und Filter erzeugt. In den 80er Jahren kam die Samplingtechnologie auf und wurde durch Firmen, wie Akai und Ensoniq Mirage, auch für den Massenmarkt bezahlbar. Das „Sampling“ ist das sequenzierte Aufnehmen von Audiosignalen, die gezielt wiedergeben werden können. Zu Anfang der Technologie konnten nur wenige Sekunden in Audiomaterial aufgenommen werden. Das „Sampling“ wurde zu einer eigenen Ausdrucksform. Es kam nicht nur darauf an, was jemand gesampelt hatte, sondern wie er es im Kontext des Gesamtwerks einsetzt. Die aufkommende House Szene in Chicago und später die Technokultur aus Detroit machten den technologischen Fortschritt zu einem wichtigen Bestandteil der Szene und formten so auch den DJ. Ende der 80er Jahre begann der Siegeszug der „Compact Disc“ (CD) als neues digitales Trägermedium. Mit der Zeit konnten spezielle CD Player die Abspielgeschwindigkeit verändern bzw. ahmten die Haptik des Schallplattenspielers nach. Dadurch etablierte sich die CD als Ergänzung der DJ Medien.

Durch die Verbreitung des Computers, Internets und des MP3 Formats wurde Musik noch leichter hochqualitativ reproduzierbar und verfügbar. Den endgültigen Durchbruch hatte der Computer in der DJ Szene durch Seratos „Scratch Live“ (vgl. Serato), das 2004 auf der NAMM präsentiert wurde. Scratch Live ist ein sog. „Digital Vinyl System“ (DVS), mit dem möglich wird, digitale Audiodateien mithilfe des Computerprogramms und eines speziellen Timecode Signals, das von CD oder Schallplatte kommt, wie eine klassische Schallplatte zu manipulieren. Entsprechend wie sich der Timecode ändert, spielt der Computer die Audiodatei ab und emuliert die Effekte, wie z. B. Scratch, Backspinning. Serato entwickelte einen „Pitch’n’Shift“ Algorithmus, mit dem die Abspielgeschwindigkeit unabhängig von der Originaltonlage verändert werden konnte. Serato Scratch Live und Native Instruments Traktor gelten heute als DVS Standard und vereinen die individuellen szenespezifischen DJ Eigenheiten. Serato war lange Zeit für die präzise und latenzarme Timecodeverarbeitung bekannt und wurde deshalb besonders von Hip Hop DJs bevorzugt. Traktor hingegen konzentrierte sich mit seinem Fokus auf den harmonischen Gesamtmix der elektronischen Musikszene. Der Computer wurde zunehmend akzeptiert und prägte immer öfters das Erscheinungsbild des DJs. Obwohl die technische Entwicklung auch mit großer Skepsis betrachtet wurde, weil DJs die Gefahr sahen, dass die zunehmende Automatisierung Möglichkeiten einer Inflation der DJ Kultur zur Folge hätte, hat sich diese Technik heute als Standard etabliert. Bis dato gab es kein ebenbürtiges Medium, das die Eigenschaften einer Schallplatte in dem Umfang nachahmen konnte. (Vgl. Majik, 2012) Mit der Zeit wurden Computer immer leistungsstärker und zuverlässiger, sodass auch die Software dieses Potenzial ausschöpfen konnte. Im Tonstudiobereich hatten sich die „Digital Working Station“ (DAW), darunter „Pro Tools“ und „Cubase“, schon längst etabliert. Mit Ableton Live, insbesondere ab Version 4 im Jahr 2004, verschmolz die digitale Tonstudiotechnik zunehmend mit der Möglichkeit, diese in eine Live Performance einzubauen und durch unterschiedliche MIDI-Quellen zu steuern. Die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten und die universellen MIDI-Optionen etablierten die Controller (Abb. 3 zeigt einen der Ersten Controller der Firma Vestax. Abb. 4 zeigt den Numark V7 Controller).

Vestax VCI-300 Controller mit zwei Kontrollflächen („Pattern") mit integriertem 2 Kanal Mischpult und „Crossfader“

Vestax VCI-300 Controller mit zwei Kontrollflächen („Pattern”) mit integriertem 2 Kanal Mischpult und „Crossfader“

Abb. 4 Numark V7, Einzelner Controller mit direktgetriebenen Kontrollfläche (Vinyl simuliert Plattenspielerhaptik)

Abb. 4 Numark V7, Einzelner Controller mit direktgetriebenen Kontrollfläche (Vinyl simuliert Plattenspielerhaptik)

Zwar ermöglichen die digitalen DJ Systeme eine Menge an Komfort, aber auch ein weites Modifikationspotenzial, das besonders durch die DIY Mentalität der Internetkultur immer weiter individualisiert und perfektioniert wird. Die weitreichenden Funktionen, die einem DJ aktuell zur Verfügung stehen, schränken ihn in der kreativen Gestaltung kaum noch ein.

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