4 Elektronik und Musik durch Hacken entdecken

Die neuen Technologien ermöglichen uns einen hohen Komfort, der bisher vor allem in der breiten Öffentlichkeit hauptsächlich über wirtschaftliche Interessen gesteuert wird. Die Sendung „Marken Check – Der AppleCheck“ des öffentlich-rechtlichen Senders „ARD/ Das Erste“ und die im Anschluss folgende Sendung „Hart aber Fair“ zeigten deutlich, wie kontrovers die Thematik aktuell in unserer Gesellschaft diskutiert wird. Im „Apple-Check“ wird ein Technik affiner Rentner gezeigt, der zum ersten Mal ein sog. „iPad“ in der Hand hält und die Fotos von einem „iPodtouch“ auf das neue Gerät abgleichen möchte. Da er bei der Erstbedienung nicht das gewünschte Resultat erhält, wendet er sich an den nächsten Apple Vertriebspartner, wo ihm der Verkäufer aufgrund des „veralteten“ Gerätes empfiehlt, entweder ein neues Gerät mit entsprechender Softwareunterstützung zu kaufen oder zwangsläufig auf Funktionen zu verzichten. Im Anschluss findet eine Beratung durch einen unabhängigen IT Experten statt. Dieser rät, die Geräte separat über eine USB Verbindung und einen zusätzlichen Rechner zu synchronisieren. Dies führt zwar auch zu dem gewünschten Ergebnis, doch ist es eher eine „Notlösung“. Die Option, entsprechende Internetressourcen in Erwägung zu ziehen, wurde nicht thematisiert. Zum einen hätte man durch Suchmaschinen entsprechende Problemschilderung und mögliche Lösungswege vorgefunden – alleine der Suchbegriff „cloud“ im Geräte eigenen „Appstore“ hätte sofort Alternativen angezeigt. Zum anderen hätte man auch selbst die Problemstellung auf entsprechenden Plattformen im Internet darstellen können und hätte sehr wahrscheinlich eine elegantere Lösung empfohlen bekommen, die ein zusätzliches Gerät (Computer) bzw. eine zusätzliche Fehlerquelle (mangelnde Kompetenzen im Umgang mit Computern) überflüssig macht. Auf beiden Geräten hätte ein anderer Cloudservice (z. B. kostenlos Dropbox, Google Drive usw.) das Synchronisieren über eine drahtlose Verbindung gleichwertig im Bezug zu Apples „iCloud“ Dienst lösen können. Falls man diesen Schritt nicht gehen möchte, hätte man sich selbst die Fotos an die eigene eMailadresse schicken können. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie der Zwang, Umsatz machen zu müssen bzw. zu konsumieren, jegliche aufklärerische Rationalität verschwinden lässt. Neue Technologien können unser Leben definitiv erleichtern, doch erzeugen sie auch durch ihre Verwendung bzw. durch kommerzielle Zwänge neue Probleme, wie das vorangegangene Beispiel zeigt.

Die vorher kurz angesprochen Hacker und Programmierer konzentrieren sich auf die Lösung solcher Probleme bzw. sie entwickeln die Technologien weiter. „Hacker“ ist ein Sammelbegriff für verschiedene Subkulturen, die meistens in Kollektiven vorgehen. Seriöse Hacker betiteln sich selbst nicht als solche, sondern sie werden von anderen Mitgliedern aus der Szene dazu ernannt, dies ist gleichzusetzen mit einer Auszeichnung. Ihre Absichten sind, anders als in den Medien oft publiziert, durchaus positiv zu bewerten. Hacker versuchen, vorhandene Probleme (u. a. Sicherheitslücken) durch kreative Lösungsprozesse mit entsprechendem Wissen und Kompetenzen zu lösen. Die Grundmentalität der Hackerszenen hat meistens den Kanon, entsprechende Probleme und ihre Lösungen der Öffentlichkeit im Sinne einer freiwilligen gegenseitigen Hilfe zur Verfügung zu stellen. Aus diesen Prozessen entstehen oft neue Technologien und neue Software. Hacker fokussieren keine direkten Schäden in Form von Viren, DoS-Angriffen bzw. die gezielte Deformation des digitalen Lebens u. a. einer Privatperson an. Sie distanzieren sich sogar davon. Entsprechende Gruppierungen und Personen, die hauptsächlich sinnlos schädliche Absichten verfolgen (Softwarepiraterie, Spionage durch Trojaner usw.) bezeichnet die Szene abwertend als „Cracker“. (Vgl. Chaos Computer Club (CCC) Cologne e.V.) Hacken bezieht sich aber nicht nur auf Computersysteme, sondern im alltäglichen Sprachgebrauch wird Hacken auch für andere Kontexte verwendet, wie „Kultur hacken“ oder „Politik hacken“ (vgl. Chaos Computer Club (CCC)). Hacken bedeutet im Grunde, dass man sich grundlegend mit dem Zielsystem (IT, Kultur, Musik usw.) auseinandersetzt und die Strukturen, die mit diesen verknüpft sind, versteht bzw. ein entsprechendes Wissen und Kompetenzen entwickelt, um dieses (theoretisch) frei nach seinen Vorstellungen zu bedienen. Dazu ist man oft gezwungen, alle Ressourcen effizient in diesen Prozess zu integrieren bzw. sie zu erweitern.

Das vorherige „Apple Check“ Beispiel und die damit verbundenen Vorwürfe treffen auch auf weite Teile der Musiktechnologien zu. Die großen Firmen lassen sich Funktionen und Standards entsprechend bezahlen. Da der Begriff „Hacker“ hauptsächlich durch die IT Welt geprägt wurde, werden individuelle Veränderungen bei Musiktechnologien hauptsächlich als Modifikationen bezeichnet. Die Entwicklungen der Hersteller orientieren sich in erster Linie an kommerziellen Aspekten. Entsprechend dem kreativen Schaffensprozess, in dem diese Produkte eingesetzt werden, entstehen aus der künstlerischen Kreativität im Kontext der zur Verfügung stehenden Ressourcen Grenzen (z. B. werden mehr Steuerelemente benötigt, um den Klang zu regulieren, als die Soft-/Hardware bietet). Das Hacken bzw. Modifizieren von Elektronik in einem musikalischen Kontext wird im Folgenden näher erläutert.

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5 Neue Musik, neue Musikinstrumente – ein experimentell-musischer Projektansatz |