3.1 Peer Education – Engagierte VS Zielgruppe

Vor dem Problem, dass Schule die aktuellen Anforderungen kaum bewältigen kann, richtet sich die Verantwortung der Sozialisation auch auf andere Lebensräume und ihre Aneignungsprozesse. In den Vordergrund drängen sich immer stärker die Lernmodi der Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen und die Frage, wie diese durch Peer Education erweitert werden (können). Österreichische Studien belegen, dass man darauf schließen kann, dass Jugendliche, die eine hohe Affinität zu Peer-Groups haben, durch starke Identifikation soziale, emotionale und informelle Unterstützung bei dem Prozess der Problemlösung, beispielsweise bei dem Lösungsweg und in der Situation selbst erhalten. Peers implizit nicht zwangsläufig, dass es sich bei den interagierenden Personen um eine homogene Gruppe handeln muss. Der Begriff umfasst vielmehr den mehr oder weniger organisierten Zusammenhang von Personen in einem wechselseitigen Interaktionsgeflecht, die einen ähnlichen Status haben. Durch die realen und virtuellen Lebenswelten und die ihnen nahe stehenden Referenzgruppen ergeben sich wichtige Bezugs- und Orientierungspunkte für die Sozialisations- bzw. Bildungsprozesse. Peers können im Prozess der Vermittlung bei Problemen und Konflikten, bei der Weitergabe und Vermehrung von Wissen, bei Modifikationen von Verhalten und Einstellungen in pädagogischen Belangen eine Expertenrolle annehmen. Dies bedeutet nicht, dass professionelles pädagogisches Handeln und Institutionen dadurch herab gestuft werden. (Vgl. Nörber, 2003, S. 9 f.) Besonders im Hinblick auf die späteren beruflichen Anforderungen in einer globalisierten Welt stellt sich die Frage, wie man diese Ressourcen sinnvoll nutzen kann, sodass möglichst viele davon profitieren. In der Wirtschaft z. B. hat sich Teamfähigkeit als wichtiger Bestandteil in der Unternehmensorganisation bewährt und wird selbstverständlich vorausgesetzt.

Ein sinnvoller Lösungsansatz scheinen die Peer-Education Ansätze zu sein. Die Grundansätze von Peer-Education-Projekten stammen aus der Gesundheitsprävention. Peer-Education will Jugend nicht verändern, sondern sie will das Potenzial, das daraus resultierende Wissen und die vorhandenen Kompetenzen zur weiteren Erhöhung des Selbstwertgefühls, der Resilienz und zur Stärkung der Kompetenzen der Jugendlichen nutzen (siehe Abb. 1).

Abb. 1 vgl. Nörber, 2003, S. 82

Abb. 1 vgl. Nörber, 2003, S. 82

Bedenkt man, wie viel Zeit und Engagement Jugendliche in die Konstruktion und Aufrechterhaltung von sozialen Geflechten legen, besonders in einer immer mehr spezialisierten Umwelt kommt es auf die einzelnen Komptenzressourcen des gesamten Umfelds an. Die Interaktionsmodelle der einzelnen Szenen und Milieus unterscheiden sich zwar, dies führt aber eher zu einer produktiven Erweiterung von Gesellschaft und Kommunikationstechniken. Der Einfluss von Peer-Groups kann sehr differenziert sein. Auf der einen Seite bieten die Einflüsse unendliche Bildungspotenziale. Auf der ande ren Seite können negative Einflüsse der Peers auch zu einem gesellschaftlich problematischen Werte- und Selbstbild führen.

Peer-Education-Ansätze versuchen, jegliche Komponente des Einzelnen, des Umfelds und der erweiterten Gesellschaft (Micro-, Meso-, Macro- und Exosystem) einzubeziehen, sodass die Lebenskompetenz der Jugendlichen gestärkt wird. Die kollektive Gestaltung dient vor allem den sozialen Kompetenzen. Durch gezieltes Kommunikations- und Kontakttraining in Kombination mit kreativen Gruppenprojekten eröffnen sich vielzählige Themenschwerpunkte. Sie stellen einen Wissens- und Informationspool dar, der ohne äußere Einflussnahme niemals bedacht worden wäre. Zudem müssen Meinungen und Standpunkte verständlich erörtert werden, sodass sie für andere nachvollziehbar sind. Dieser Aushandlungsprozess erfordert Konfliktbewältigungsstrategien und Wissen. Deshalb ist es wichtig, dass bei Peer-Education-Ansätzen verschiedene Methoden zur Anwendung kommen, um jugendliche Multiplikatoren auszubilden, die danach ihr Wissen über informelle Strukturen weitervermitteln. Im Optimalfall können sie als Vermittler zwischen den unterschiedlichen Parteien (Jugend und Schule) hilfreich sein – z. B. „Streitschlichter Projekte“ (Peer-Mediation) in Schulen. Es sollen Empowerment und Partizipation gefördert werden. Jugendliche sollen ermutigt werden, ihre Standpunkte an bzw. in die Gesellschaft zu tragen. Erwachsene dürfen bei diesen Ansätzen keine bevormundende Position einnehmen, sondern sind Partner bzw. Hilfe und Ansprechpartner im Prozess der Auseinandersetzung und werden als sinnvolle Ressource angesehen. Peer-Education-Projekte sollen Informationen vermitteln, die Jugendliche dazu bringen, Wissen, Vorurteile und Vermutungen zu spezifischen Themen kritisch zu hinterfragen und empirisch-rationale Strategien der Informationsvermittlung zu entwickeln. Solche Projekte finden bevorzugt an Treffpunkten von Jugendlichen statt, wie Jugendtreffs, Vereinen usw.. Durch die ungebundenen Strukturen werden mehr Freiheiten (Adressaten- und Lebensweltorientierung) bei der Umsetzung des Bildungsprogramms ermöglicht als in öffentlichen Schulen, die einem allgemeinbildenden Curriculum unterliegen. Jugendliche müssen in die ersten Anfangsphasen eingebunden werden. Sie bestimmen die Ausgestaltung des Projekts, was wiederum Partizipation, Empowerment und schlussendlich die Identifikation mit dem Projekt erleichtert. Grundidee von Peer-Education ist es, das Wissen mit dem „Schnellballeffekt“ durch informelle und formelle Quellen zu erhöhen. Dies erfordert methodisches Vorgehen und besonders ausgebildete Peer-Educatoren. Die Peer-Educatoren erhalten eine Zusatzausbildung (z. B. Streitschlichterausbildung an Schulen), um sie besser auf die Situation und deren Anforderungen vorzubereiten. Es muss darauf geachtet werden, dass die ausgewählten Jugendlichen keine Diskriminierung bzw. Abwertung durch ihr Umfeld erhalten, wenn sie sich an dem Projekt beteiligen, bzw. die Rolle der Peer-Educatoren annehmen. Die Projekte sind oft handlungs- und aktionsorientiert und ermöglichen zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten mit anderen Kontexten, um beteiligte Personen für eine Thematik zu sensibilisieren. Die Entwicklungspsychologie hat belegt, dass die Bedeutung von Peers, besonders in Bezug auf die Gleichaltrigen, darin besteht, dass sie bestrebt sind, Unterschiede, die atypisch für das Gruppenbild sind, auszugleichen bzw. dafür einen Konsens zu finden. Dabei werden Problemlösungs- und Denkstrukturen voneinander übernommen. Grundidee von Peer-Education ist es, das Wissen mit dem „Schneeballeffekt“ durch informelle und formelle Quellen zu erhöhen. Dies erfordert methodisches Vorgehen. Die unterschiedlichen Peer-Groups und Umwelten ermöglichen sozial-kognitive Lerntheorien und Imitationslernen. Entsprechend verschiedener Faktoren, wie sozialen Satus, Sympathie, Kompetenzen usw., gehen die beteiligten Personen in ein Interaktionsgeflecht und lernen voneinander. Dies ist besonders in Zeiten wichtig, in denen die klassischen Sozialisationsinstitutionen (Familie und Schulen) die Aufgaben nur schwer bewältigen können bzw. überhaupt nicht wahrnehmen. Dadurch dass die Peer-Education-Projekte oftmals an direkten Lebenswelten und –orten stattfinden und durch Peers durchgeführt werden, erleben Jugendliche die Projekte nicht als Fremdkörper, sie sprechen sozusagen die gleiche Sprache. (Vgl. ebd., S. 58-62) Entsprechend dem Grundsatz nach Bandura werden die Informationen in Symbole kodiert. Bedenkt man nun die Entwicklung des „Iconic Turn“ senkt es die „Sprachbarrieren“, wenn die Informationen von und über Peers vermittelt werden. Die Informationen dürfen nicht isoliert betrachtet werden, sondern ergänzen bzw. strukturieren und organisieren den vorhanden Wissens und Kompetenzbereich. Die Motivation liegt zum einen darin, das erwartete Verhalten und seine Konsequenz zu erfahren, aber auch das Erfahrene weiterzugeben. Dabei bestimmt der Beobachter selbst, inwiefern er den Lernprozess offen zeigt. (Vgl. Appel, S. 59)

Die Auswertung von Peer-Education-Projekten hat gezeigt, dass alle Beteiligten nachhaltig einen positiven Lerneffekt und eine Steigerung der „Life Skills“ (Lebenskompetenz) durch die Projekte erhielten. Besonders die jugendlichen Multiplikatoren und die Engagierten profitierten durch ihre starke Einbindung und ihr Wissen von Peer-Education. Weil besonders die Engagierten in den Projekten einen entscheidenden Faktor für den Erfolg des Gesamtprojekts darstellen, ist bei ihnen im Vergleich zur Zielgruppe ein höherer Lerneffekt in Sinne von Wissens- und Kompetenzzuwachs zu bemerken. Durch klare Rollenverteilungen in Schulen schaffen Peer-Education Ansätze einen neuen Perspektivenraum, der zum einen motiviert, empathisch verschiedene Rollen (Beobachter-Gestalter, Lehrender-Lernender) einzunehmen, aber auch Schutz bedeuten sollte. Schutz in der Form, dass die beteiligten Personen (Multiplikatoren, Engagierte und Zielgruppe) entsprechend ihren Ressourcen, dynamisch-kreative gestalterische Prozesse in einer ihr vertrauten Umgebung durchführen.

Studien belegen, dass seit den 60er Jahren die Freundschaftsbeziehungen von Jugendlichen ein wichtiger Bestandteil sind im Abkopplungsprozess von den einzelnen Sozialisationsinstanzen und für die Integration in die Gesellschaft. Für 76% west- bzw. 68% der ostdeutschen Jugendlichen haben Freundschaften eine besonders wichtige Hilfeposition bei der Bewältigung von Herausforderungen und Problemen. (Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, S. 127)

Hinzu kommt, dass in Stadtgebieten aufgrund der dichteren Besiedlung mehr Möglichkeiten vorhanden sind, entsprechende Jugendangebote anzubieten. Jugendliche auf dem Land haben nur bedingt Zugriff auf Jugendangebote. Besonders in größeren Landkreisen, die aus weit verstreuten Siedlungsgebieten bestehen, ist eine gute Nahverkehrsanbindung bzw. eine allgemeine Mobilität nicht nur aus beruflichen Gründen von zentraler Bedeutung. Diese ist aber vor allem durch die zunehmende Sparpolitik und eine Umorientierung der Regierung und Kommunen hin zu anderen Wirtschaftsprojekten bzw. aufgrund von Fehlinvestitionen und die damit verbundene Kürzung von öffentlichen Geldern stark eingeschränkt (vgl. Spiegel Online, 2013). Jugendliche in den ländlichen Gebieten sind von Kürzungen im Kultur- und Bildungshaushalt und die dadurch verursachte Schließung von u. a. Jugendtreffs, Sportstätten usw. stärker betroffen. Daraus lässt sich schließen, dass die Peers bzw. die vorhandenen sozialen Umfelder diese Leistungen ausgleichen müssen. Die neuen Kommunikationstechnologien entzerren diese relative örtliche Gefangenschaft bzw. diese Bindung an Umweltfaktoren und fördert gleichzeitig die Streuung und Individualisierung von Wissen.

3 Neue Medien, neue Lernkulturenen |

3.2 Internet als Befreiung und Demokratisierung des Wissens |